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Bin für einen Hörspielpreis nominiert. Einerseits: Super. Andererseits: War schon häufiger bei Wettbewerben dabei. Habe noch nie gewonnen. Und vor allem: Die Termine liegen ungünstig. Drei Abende lang läuft das Festival. Überlege hin und her. Immerhin soll mein Hörspiel vor Publikum laufen. Außerdem hieß es, ich darf auf die Bühne und ein kurzes Interview geben. Und: Ich stehe auf der Gästeliste, spare also den Eintritt. Das überzeugt mich dann doch, zumindest einen Abend hinzugehen. 

Was zieht man an, wenn man auf die Bühne soll? Entscheide mich für Jeans, Hemd, Strickjacke. Brauche aber lange für die Entscheidung. Komme dadurch zu spät von zuhause los. Nehme mir ein Taxi, damit ich pünktlich bin. Teuer. Insgesamt also doch kein Geld gespart. Aber ich bin pünktlich. Nur die Veranstaltung nicht. Sie beginnt mit Verspätung. Zeit für Koffein an der Bar.

Und Zeit für eine Besichtigung der Location: Typischer Berliner Hinterhof. Backsteingebäude, halb saniert, halb verfallen. Eine Band, die mit der Veranstaltung nichts zu tun hat, beschallt aus ihrem Proberaum den Innenhof mit einem wütenden Refrain: „Dies ist die Stadt“. Auf dem Innenhof steht ein altes Nebengebäude – darin die Bühne.

Die Bühne ist eigentliche keine Bühne. Sie ist nicht erhöht, sondern geht eben in die Zuschauerreihen über. Zuschauerreihen: Fünf Stück. Sie gewinnen nach hinten an Höhe wie in einem Theater. Vielleicht 200 Leute haben Platz. Anwesend sind etwa 30, als es losgeht.

Scheinwerfer wie Sonnen, eine Bühne, die keine ist, und viel Raum: Berliner Hörspielfestival 2012. Zu sehen sind Britta Steffenhagen und Oliver Wenzlaff.

Moderatorin Britta Steffenhagen erklärt: Mehr als 100 Hörstücke wurden eingesandt, neun haben es in der Kategorie „Langhörspiel“ ins Finale geschafft, drei davon hören wir, die anderen liefen an den anderen Tagen. Das erste Hörspiel handelt von einem Amt. Es gewährt Ausgleich für persönliches Unglück. Während das Hörspiel läuft, fahren Scheinwerferkreise über die gegenüberliegende Backsteinmauer. Als wandere eine Sonne über den Horizont. Dann kommt eine zweite Sonne dazu. Wie bei Star Wars hat auch die Hörspielwelt mehrere Sonnen.

Das zweite Hörspiel ist meins. Es geht um einen jungen Mann, der zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden kann – sich dessen aber bewusst ist. Er weiß also, dass er sich jederzeit in einem Traum, aber eben auch in der Realität befinden kann. Die Zuhörerzahl ist leicht gestiegen, jetzt sind wir bei vielleicht 50 Leuten. Auch bei mir Scheinwerferkreise auf rohem Backstein.

Es folgen Applaus und die Bitte, dass ich auf die Bühne kommen möge. Britta Steffenhagen stellt mir ein paar Fragen. Läuft gut. Ich erzähle viel. Hinterher sagt mir eine Zuhörerin, mein Hörspiel sei gut. Nur die Auflösung am Ende sei überflüssig. Da hatte das Hörspiel zu viel. Kurz darauf eine weitere Zuhörerin, die das gleiche sagt. Bin zu dem Zeitpunkt längst wieder Teil der fünf Sitzreihen.

Als das dritte Hörspiel startet, ist die Zahl der Zuhörer noch einmal gestiegen. Angelina Jolie spielt in der Geschichte mit. Sinnvollerweise gesprochen von der deutschen Synchronstimme von Angelina Jolie. Sie warnt die Protagonistin: Du hast noch 20 Tage zu leben. Ziemlich rasant und gut gemacht. Danach werden die beiden Autorinnen interviewt. Fragen aus dem Publikum. Wie lange der Schreibprozess gedauert hat, möchte ich wissen. Etwa sieben Monate, heißt es, wobei die beiden natürlich nicht ausschließlich an dem Stück gearbeitet haben. Sieben Monate für ein 50-Minuten-Hörspiel. Beruhigend. Bin also nicht der einzige, der beim Schreiben lahmt.

Danach kommt die Jury auf die Bühne. Ganz kurz habe ich Hoffnung. Aber nur kurz. Gewonnen hat keines der drei Stücke, die vorgestellt wurden. Applaus für ein Hörspiel, das niemand kennt, der nur am Tag der Preisverleihung da ist. Die Gewinner bekommen ein Mikrophon, das sie nicht brauchen, wie sie sagen, es aber trotzdem behalten.

Die Gesellschaft verlagert sich auf den Hof. Dunkel ist es geworden. Die Band hat aufgehört zu proben. Einer aus dem Gewinnerteam kommentiert mein Hörspiel: Es hat halt noch was gefehlt. Vorhin hieß es noch, es hatte halt zu viel. Wenn die Wahrheit in der Mitte liegt, dann wäre alles gut. Das Gewinnerstück läuft ohne mich. Verabschiedung. Zurück ohne Taxi. Mit der Tram zur S-Bahn, dann einfach durchfahren. So der Plan.

Nur: Die Tram hält nicht da, wo sie soll. Baustelle. Die S-Bahn stoppt unplanmäßig. Baustelle. Weiter vom anderen Bahnsteig. Ein paar Stationen später: Schienenersatzverkehr. Oder Schienenvorbeiverkehr, denn meine S-Bahn-Station wird nicht angefahren. Der Bus fährt Luftlinie einen Kilometer an meiner Station vorbei. Denke ich über die Kommentare nach, ist mein Hörspiel auch eine Baustelle. Ich muss da nochmal ran.

Verwirrte US-Amerikaner im Bus. Aus California. Keine Ansagen, schon gar nicht in English. Sie steigen mit mir aus. Einen Kilometer weit laufen wir dahin, wo uns die S-Bahn eigentlich hätte hinfahren müssen. Dies ist die Stadt. (Oliver Wenzlaff)

Anmerkung der Redaktion:
Der Autor der vorigen Zeilen Oliver Wenzlaff ist Hörspiel-Macher und ist unter anderem für die Hörspielserien „Adams van Ghoot“ und “Alina Fox” verantwortlich. Das Hörspiel Nerd Stories Vol. 2 welches Oliver Wenzlaff fast hätte zum Sieger werden lassen könnt ihr hier erwerben.

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