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Ich weiß nicht, wie es anderen Autoren geht. Ich habe immer ein bisschen Angst in jenem Moment, kurz bevor ich zum ersten Mal Feedback auf neuen Stoff bekomme. Und so auch neulich. Eine kleine Bar in Berlin-Schöneberg, darin 10 Testhörer, und das Hörspiel, das ich testen wollte, endete. Der Moment zwischen den letzten Worten der CD und den ersten Worten der Testhörer kann sehr lang sein. In einem amerikanischen Film hätte es nach einem kurzen Moment des Zögerns donnernden Applaus gegeben, untermalt von triumphaler Musik voller Streicher und Hörner, der Autor hätte sich durch die Massen gelächelt, Hände hätten in Slow Motion auf seine Schulter geklopft. Oder er wäre ausgebuht und davongejagt worden, Schnitt. Kneipe, Frusttrinken. Schnitt. Schlägerei oder Bettgeschichte mit einer Barbekanntschaft. Schnitt. Autor beginnt neues Leben.

Der Autor bei den Aufnahmen (Foto: Daniel Gramsch)

In der Realität sieht die Auflösung weniger dramatisch aus, zumindest in meinem Fall. Die Testhörer warten darauf, dass jemand den Bann bricht. Keiner scheint zu wissen, wer als erster reagieren soll. Ich sage: Das war es, denn mein Hörspiel ist nur im Rohschnitt fertig, es fehlt noch an Soundeffekten und Musik, und die Geschichte endet offen, so dass vielleicht nicht allen klar war, dass es hier nicht weiter geht. Ein zaghaftes Gespräch über das Ende kommt in Gang. Dass hier Musik gut täte, oder eben ein Abschluss. Nach den ersten Worten melden sich nach und nach weitere der Testhörer zu Wort. Ich bitte um Einschätzung, wo noch gekürzt werden könnte, welche Rollen noch nicht überzeugen, solche Sachen. Die Diskussion wird schnell rege, es entsteht eine herrlich befruchtende kreative Atmosphäre. Das Hörspiel sei sehr lang, ob ich es nicht in zwei Teile spalten wolle. Ich halte dagegen, dass ich das aus Käufersicht ein bisschen unfair finde, weil dann der Gesamtpreis höher ist als bei einer Doppel-CD. Woraufhin es heißt: Echte Hörspielfans wollen immer nur eine CD. Die Testhörer, die das sagen, betreiben einen Hörspielladen in Österreich, also muss ich ihnen wohl glauben. Wer ist näher am Kunden als der, der täglich an den Kunden verkauft? Sofort wird über das Cover geredet. Wenn das Hörspiel geteilt wird, sollte es dann zwei identische Cover geben? Nein. Zwei, die zusammen ein Ganzes ergeben – tolle Idee, die ich sofort notiere. 

Das ist doch mal ein geiles Feedback – Ausschnitt aus einem Feedbackbogen

Ich schaue auf die Uhr. Der Raum ist nur bis 15 Uhr gebucht, und wir haben schon eine viertel Stunde überzogen. Ich will aber nicht abbrechen, frage nebenbei den Inhaber der Bar, ob wir noch ein bisschen bleiben dürfen, und er sagt zu. Wir reden noch eine halbe Stunde. Über die Gags im Hörspiel, über Unklarheiten in der Story, es geht sehr weit ins Detail bin hin zu einzelnen Dialogfetzen. Dann löst sich die kleine Gemeinschaft (nach herzlichen Umarmungen) auf. Eine Menge Arbeit wartet auch mich. Viele Kleinigkeiten, zudem die noch fehlenden Musik- und Soundeffekte. Es wird noch Monate dauern, bis das Hörspiel fertig ist. Aber insgesamt scheint es in die richtige Richtung zu laufen. Auf den Beurteilungsbögen taucht kein einziges Mal „schlecht“ oder „furchtbar“ auf. Einmal ist „mittel“, vermerkt, alle anderen sagen „gut“ zum gegenwärtigen Stand. Moment – auf einem Zettel hat ein Testhörer zusätzlich „super“ angekreuzt, ergibt: Super-gut. Und daneben hat derselbe Hörer sogar noch eine neue, eigene Antwortkategorie eingefügt: „Geil“. Und ein bisschen fühle ich mich plötzlich doch wie in einem jener amerikanischen Filme. Leichter Sommerregen rieselt auf mich nieder, als ich mich in Slow Motion durch die Straßen Berlins nach Hause lächle. (Oliver Wenzlaff)

Anmerkung der Redaktion:
Der Autor der vorigen Zeilen Oliver Wenzlaff ist Hörspiel-Macher und ist unter anderem für die Hörspielserien „Adams van Ghoot“ und “Alina Fox” verantwortlich. Er lebt und arbeitet in Berlin und wir möchten uns ganz herzlich für den kleinen Einblick seines Hörspiel-Screenings bedanken.

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