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„Hey Veselin! Liebste Grüße von der Leipziger Buchmesse. In den letzten zwei Tagen habe ich mehr Bücher gesehen als in meinem ganzen bisherigen Leben. Welch Schwierigkeit, dass es auf der Welt so vieles gibt, wovon man nie alles sehen kann, was interessant ist. Aber so ist das Leben. Bis bald. Anne“

So oder ähnlich lautet der Text der Postkarte, die ich am Freitag vom Postkartenzentrum in Messehalle 3 abschicke. Hier kann man Karten kaufen, schreiben und direkt versenden. Nervös tippele ich vor der provisorischen Tischplatte herum, auf der meine bescheidenen Grußbemühungen liegen, und versuche, mich nicht vom Treiben um mich herum ablenken zu lassen. Aber eigentlich habe ich das Wesentliche bereits auf dem hochwertigen, mit künstlerischen Collagen bedruckten Papier untergebracht: „Es gibt so viel.“

Als ich mir anschließend einen frisch gepressten Orangensaft gönne (nicht ohne die obligatorische Unzufriedenheit ob des Preises von 2,90 € für 0,2 Liter), werfe ich beiläufig einen Blick ins Programmheft. Allein für die Zeitspanne von 15 Uhr bis 15:30 Uhr habe ich im Veranstaltungsplan vier gleichgroße Kreuze gesetzt, die mir nun herausfordernd entgegenblicken. So muss ich mich intuitiv für eine der vier Verheißungen entscheiden. Sollte diese dann langweilig werden, muss ich für den Wechsel zu einer anderen Bühne mindestens fünf Minuten einplanen; nicht nur, weil die Wege zwischen den Hallen so lang sind, sondern auch, weil die meisten Besucher sich keine Gedanken darüber machen, wie man jedem Einzelnen eine schnellstmögliche Fortbewegung durch die Massen ermöglicht. Sie schlendern gemächlich in der Mitte des Ganges und bleiben auch genau dort stehen, wenn das Auge oder ein anderes Sinnesorgan mit einem Reiz überfallen wir, der auf Resonanz im Gehirn stößt (Reiseführer? Aha, hier gibt es also Reiseführer – vorsichtshalber sollten wir alle Bewegungen bis auf weiteres einfrieren…)

Nachdem ich anfänglich versuche, immer den interessantesten, lustigsten, spannendsten, erhellendsten Lesungen und Diskussionen hinterher zu jagen, resigniere ich schnell und setze mich zur Entspannung vor die „Textbox“. Das ist ein kleines, akustisch hermetisches Kämmerchen, in dem im Zehn-Minuten-Takt Poetry-Slamer und Lesebühnenautoren ihre Texte darbieten, die außerhalb der „Zelle“ nur durch angeschlossene Kopfhörer wahrzunehmen sind, welche auf den Ohren des neugierigen, eher jungen Publikums, sitzen. Zu hören sind Textakrobaten, die Spannung aus der bloßen Luft fischen und Kreative, die uns zum Lachen bringen, Einsteiger und Aufsteiger in der großen Welt der Sprache.

Denn auf dieser Messe gibt es für fast jeden eine Nische, das heißt nicht nur für Gruppen wie Intellektuelle, Krimileser oder oder Lyrikaffine, sondern auch für Spezien wie Hörspielfanatiker, Musikschüler oder Cosplayer – Comicfans, die in Gestalt ihres Lieblingscharakters authentisch verkleidet durchs Gelände streifen und dabei die epischsten Abenteuer und Kämpfe zu erleben scheinen, die einem mit etwas Phantasie auf einer Buchmesse geboten bekommt. Es gibt Bildbände, Lehrbücher, Mangas, Reclamhefte, Wandkalender, Kunstdrucke und Notizbücher. Vertreten sind in den endlosen Reihen der Stände auch nicht nur Verlage und Autoren, sondern auch Rundfunksender, Hochschulen, Antiquariate und Künstler. Kurz: Buchmesse bedeutet Wort- und Bildmesse, bedeutet Informationsmesse, Medienmesse, Kunstmesse und vieles mehr. In diesem vielfältigen Angebot finde auch ich irgendwann die Bühne, die meinen Interessen am meisten entspricht: Es ist die „Leseinsel Junge Verlage“. Wenn man also den Anspruch, überall zugleich zu sein, besiegt hat, wird man durchaus mit einem reichhaltigen Programm belohnt – selbst wenn es mir doch weiterhin schwerfällt, alle umliegenden Reizquellen zu ignorieren und vollkommen in die Lesung meiner Wahl einzutauchen. Dieses Phänomen ist schlicht und einfach den großen Hallen geschuldet, in denen sich die akustischen Spuren jedes geistigen Austauschs in immerwährendem Hintergrundgemurmel niederschlagen und die Messe zu dem machen, was eine Messe nun mal ist: eine Massenveranstaltung.

Dieser Atmosphäre kann sich kaum eine Bühne mit noch so speziellem Programm entziehen. Als eine Hildesheimer Studentin einen stilistisch außerordentlichen Prosatext vorträgt, der in Kombination mit musikalischer Untermalung ein künstlerisches Gesamtwerk bildet, schließt man die Augen, um sich so gut wie möglich auf Sprache und Klang zu konzentrieren. Bis zu einem gewissen Grad gelingt das auch; doch um zu versinken, muss man sich dann doch ein Buch kaufen – die Auswahl ist schließlich groß genug. Mit seiner Beute sitzt man dann nachmittags beim bescheidenen Frühlingsbeginn im Clara-Zetkin-Park, lässt sich die unangetasteten Seiten von den letzten Sonnenstrahlen beleuchten und versucht, für den nächsten Tag nicht zu viele Kreuze im Programmheft zu setzen. (Anne Reibke)

Anmerkungen der Redaktion:
Die Redaktion dankt Anne Reibke für den tollen Messebericht!
Fotomaterial stammt vom Fotoservice der Leipziger Buchmesse – vielen Dank!

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