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Es liegt etwa sechs Jahre zurück, als eine Umfrage zum Thema Hörspiel ergab: Thriller und Krimis liegen in der Gunst der Hörer ganz weit vorne. Vor zwei Jahren wurde die Umfrage wiederholt – erneut schnitten Thriller und Krimis bei den Hörspielfans am besten ab… Und ich bin mir sicher: Hätten die Initiatoren die Umfrage heute durchgeführt oder meinethalben auch bereits vor zehn Jahren, die Ergebnisse wären wieder die gleichen. Die Hörspielgemeinde steht nun einmal auf Krimis (allen voran natürlich Detektivgeschichten mit drei wohlbekannten Ermittlern aus Rocky Beach). Vielleicht gewinnt sie noch Horror-, Grusel- und Fantasy- oder Science-Fiction-Produktionen etwas ab. Ein Genre hingegen bleibt doch eher eine Nische: Der Humor.

Dabei ist die Hörspiellandschaft zumindest momentan noch weniger trist, als es den Anschein haben mag, denn es gibt durchaus eine erfreuliche Bandbreite humorvoller Produktionen. Oft sind es die Kleinstverlage, die hier Vorreiter sind. „Cungerlan“ von Ohrland, einem kleinen Hörspiellabel aus Köln, ist hier ein Beispiel. Das Hörspiel überschlägt sich derart ungeniert mit Star Wars-Zitaten, dass bereits dies die wahre Freude ist. An der Stelle des Imperators steht der Kaiser „Erzeboon der Zweite“. Statt eines Todessterns sollen die Interessen des Kaisers über die „Luftfestung von Galone“ durchgesetzt werden. Es gibt keine Rebellenallianz, dafür aber eine Widerstandsbewegung namens Serhildan. Und eine Art Macht gibt es natürlich auch: die Magie des „Shrill-Itzu“. Meister Kentoka, ein Shrill-Itzu, wird konsequenterweise gesprochen von Bernd Rumpf – er dürfte bereits Erfahrung mit dem Stoff gehabt haben, denn er ist die deutsche Synchronstimme von Qui-Gon Jinn aus Star Wars Episode I. Angereichert wird das Ganze mit allerlei liebenswertem Klamauk. Ein Beispiel ist der blutige Volkssport „Nasenhakeln“, bei dem man durchaus seine Nase einbüßen kann. Bemerkenswert auch die Namensgebung, die mit dem „No jokes with Names“-Grundsatz bricht: Die Figuren heißen Kommandant Lasfare oder Ducan Smichmal. Wieder andere Charaktere mit Namen wie Dnerger Fuzz oder Poll Kuddelbloth machen einfach schon dem Klang nach Spaß, mit der Einschränkung natürlich, dass es einem erst einmal gelingen muss, sie überhaupt auszusprechen.

Gehen wir von Köln, wo Cungerlang entstanden ist, nach Hamburg, wo erneut ein kleines Label für eine weitere Perle des Humors in der deutschen Hörspiellandschaft gesorgt hat: Die Rede ist von der „Satchmo-Trilogie“ vom Label fuenf59. Auch hier bietet ein liebevoll kreiertes Setting Raum für viel Wortwitz: Der Hörer wird mitgenommen in eine Welt, in der Akkorde als anerkanntes Zahlungsmittel durchgehen. Verzerrte Gitarren-Akkorde werden zwar nicht genommen, dafür kann man aber beim keyboardgespielten Fis-Moll-7 immerhin die 7 noch nachzahlen, wenn es erstmal nur für ein Fis-Moll reicht. Statt mit dem bekannten „Sch“-Wort zu fluchen, wird „Nordic Walking“ als Schimpfwort gesetzt. Kommt es in einer Situation ganz schlimm, wird noch ein „Alter“ hinzugefügt, nur um klarzumachen, dass bei den Satchmo-Geschichten wirklich coole Charaktere unterwegs sind.

Und wie sieht es abseits der kleinen Labels aus? Auch hier gab es durchaus Ansätze von Humor im Repertoire, die jedoch oft nicht weiterverfolgt wurden. „Kantomias rettet die Welt“ beispielsweise, immerhin im Münchner Hörverlag veröffentlicht. Nach meiner Auffassung ist Kantomias mehr als nur gelungen, doch während Cungerlan und Satchmo längst in Serie erhältlich sind, erschien bei Kantomias keine Fortsetzung – und dies, obgleich Titel und Inhalt mehr als deutlich auf einen Mehrteiler anspielen. Im Hörbücher-Magazin bringt der Hörverlag selbst das Kantomias-Hörspiel bei einer Diskussion um das Thema „Trash“ ins Spiel. Sind wir so weit, dass Produktionen mit – zugegeben – etwas eigenwilligem Humor von den großen Labels per se als trash abgegolten werden, den zu veröffentlichen sie als ökonomisch zu riskant müde lächelnd abwinken? Es ist ja bekannt, dass die großen Labels ohnehin meist auf Produktionen mit Verkaufsgarantie setzen. Heißt das also, dass uns die großen Hörspiellabels künftig in der Schiene Humor höchsten noch die Zweit-, Dritt- oder Viertverwertung von Auftritten oder Büchern der Mario Barths, Michael Mittermeyers oder von Horst Evers (Evers ist einzigartig, daher hier kein Plural) präsentieren? Ich befürchte, dass der Trend klar in diese Richtung geht. Es wird wohl daher den kleinen Labels vorbehalten sein, die Nische Humor mit Leben zu befüllen. Sollte sich jedoch auch bei den kleinen Labels das Primat der Massenkompatibilität durchsetzen, der Kapitalismus an die Stelle des Idealismus treten, dürfte auch dort künftig noch mehr auf Krimis und Co. gesetzt werden. Das wäre verdammt schade. Und auch ein bisschen Nordic Walking, Alter.

Der Autor Oliver Wenzlaff ist selber ein „kleiner“ Hörspielmacher und schreibt und produziert unter anderem die Hörspielserien „Adams van Ghoot“ und „Alina Fox“. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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